Moskauer Tagebuch feiert Premiere in Neubrandenburg

„Meinst Du, die Russen wollen …?“ - ein bewegender Abend in der Regionalbibliothek 

Die Buchpremiere des Moskauer Tagebuches findet überwältigendes Echo – viele Besucher müssen wegen Überfüllung umkehren. Dass das Thema interessiert und Anklang findet, war zu erwarten. Dass aber so viele Gäste den Weg in die Neubrandenburger Regionalbibliothek antreten, war dann doch überraschend und auch für die Organisatoren eine Herausforderung.

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Neubrandenburg. Helena Drews kam mit Blumen in der Hand extra aus Neustrelitz. „Er ist ein mutiger Mann, sich dem Trend entgegen zu setzen. Aber das ist richtig, man muss ja etwas tun“, befand die Ärztin mit russischen Wurzeln und sprach dabei auch für sich. Ihre Blumen waren für Carsten Gansel bestimmt, den Autor des Buches „Meinst Du, die Russen wollen …? Ein Moskauer Tagebuch“, das am Montagabend in der Neubrandenburger Regionalbibliothek vor vollem Haus seine Premiere feierte.

Mit einer Lesung und einem Gespräch, zu dem „mecklenbook“, der Verlag der Nordkurier Mediengruppe, eingeladen hatte und bei den Vorbereitungen durch die Mecklenburgische Literaturgesellschaft sowie die Regionalbibliothek unterstützt wurde. Dass aber der Ansturm so überwältigend war und weit über 100 Gäste Einlass suchten, das hatte wohl niemand erwartet. So reichten die Stuhlreihen bei weitem nicht aus, und auch, als alle noch vor Ort befindlichen Sitzgelegenheiten zusammen getragen waren, stand immer noch eine Traube von Menschen im Foyer. Aus Brandschutzgründen war es dann leider nicht möglich, alle Interessierten einzulassen. Ein größerer Teil musste umkehren, was dem Veranstalter sehr, sehr leid tat. „Wir haben mit einem solchen Ansturm wirklich nicht gerechnet. Dafür können wir uns nur entschuldigen. Aber wir werden eine Folgeveranstaltung organisieren, sobald der Autor Zeit hat“, sagte Markus Reich von mecklenbook. Der Termin soll möglichst bald bekannt gegeben werden, damit all die, die jetzt außen vor bleiben mussten, dabei sein können.

Für alle anderen, die den Abend erleben konnten, bot sich ein tiefer Einblick in die Moskauer Lebens- und Kulturlandschaft. Doch ihren Anfang fand die Veranstaltung mit dem Thema, das Carsten Gansel, Professor für Neuere Deutsche Literatur und Mediendidaktik an der Justus-Liebig-Universität Gießen, seit Jahren beschäftigt: dem Trauma von Stalingrad und dem zugehörigen Originalroman von Heinrich Gerlach. Gansel war derjenige, der im Jahr 2011 das Jahrzehnte verschollene Manuskript wieder fand, in einem russischen Archiv. Es brauchte Jahre, bis alle darin vermerkten Korrekturen und Streichungen des schon 1991 verstorbenen Autors entziffert und eingearbeitet waren.

 

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2016 erschien dann der Originalroman „Durchbruch bei Stalingrad“ bei Galiani mit einem umfangreichen dokumentarischen Anhang von Carsten Gansel. Es war eine Sensation. In Folge reiste Carsten Gansel auch nach Wolgograd, dem einstigen Stalingrad, gemeinsam mit dem aspekte-Team vom ZDF. Und hier vor Ort wurde Gansel einmal mehr klar, wie dramatisch das Gewesene noch immer nachwirkt. „Meinst Du, die Russen wollen Krieg…?“ Diese Gedichtzeile von Jewgeni Jewtuschenkos Antikriegs-Gedicht ist daher auch in den Titel seines Moskaubuches eingeflossen. Meinst Du, die Russen wollen das alles nochmal erleben? Meinst Du, die Russen wollen dieses, jenes, alles Mögliche? Das könnte man annehmen, wenn man den „Leitmedien“ uneingeschränkt glaubt, von denen Gansel auch an diesem Abend im Dialog mit Dr. Frank Wilhelm, dem Moderator der Veranstaltung, wiederholt kritisch sprach.

Leitmedien – was berichten sie? Wie ist der Tonfall gegenüber Russland? Gansel plädierte dafür, die andere Seite, mit deren Augen zu sehen. Dafür reiste er wieder und wieder nach Moskau und war ein Semester an der Staatlichen Landesuniversität Moskau (MGOU) als Gastdozent tätig. Während der Zeit sprach er mit Studenten und konnte deren Sicht auf alle Fragen, die ihn bewegen, einholen. Über seine Erfahrungen, aber auch den Alltag in der Weltmetropole, berichtete er zunächst im Moskau-Blog des Nordkurier. Der Zuspruch war groß. Nordkurier-Redakteur Frank Wilhelm, der den Blog betreute, regte schließlich an, dass dies die Basis für ein Buch sein könnte. Gesagt, getan. Pünktlich zur Fußball-WM liegt es nun vor, das Buch, das dem oft getrübten Russlandbild in den Medien etwas entgegen setzen kann.

Gansel las zur Premiere einige Passagen, sprach von großen Schriftstellern, Moskauer Künstlern, Galerien, davon, wie sich Russen in Deutschland fühlen oder wie sie über Deutsche denken. Auch der Ukrainekonflikt und die Krimproblematik wurden angeschnitten. Sich eine Meinung zu bilden, gehe nicht, „ohne in die Geschichte zurückzublicken“, mahnte er. Gansel zeigte sich aber auch immer offen für das Argument der Gegenseite. „Wer andere Erfahrungen hat, soll sie artikulieren“, lud er ein, machte aber auch deutlich, dass er nie gewillt war, „sich Russland erklären zu lassen, von Leuten, die der kyrillischen Buchstaben nicht mächtig sind“. 

 
IMG 7523Am Ende ließ er, der auch viele Lichtbilder aus Moskau und Wolgograd mitgebracht hatte, Ben Becker auf der Dia-Leinwand sprechen: Der bekannte Schauspieler mit der eindringlichen Stimme hatte das Gedicht von Jewgeni Jewtuschenko aussagekräftig wie kein anderer rezitiert, was auch auf dem Internet-Youtube-Kanal nachzuhören ist: „Meinst Du, die Russen wollen…?“ Eine Dame aus dem Publikum an diesem Abend war so sehr bewegt, dass sie Carsten Gansel für diesen Buchtitel ihren Dank aussprach. „Wir wünschen, dass ganz viele Menschen Ihr Buch lesen und verstehen“, meinte sie an den Autor gerichtet. Der übrigens bekam noch ein Geschenk. Roswitha Clüwer aus Neuendorf vom Druschba Total e.V., die eine Russland-Friedensfahrt mitgemacht hatte, überreichte ihm ein T-Shirt mit einem Aufdruck des besagten Gedichts. Damit seien sie als Gruppe schon in Russland unterwegs gewesen, für Völkerverständigung und Freundschaft. Die Botschaft hat dort viel Zuspruch gefunden. Eine Botschaft, die auch für diesen bewegenden Abend und das Buch ansich steht. „Meinst Du, die Russen wollen…?“ Um es mit Jewtuschenkos Worten zu sagen: Die Antwort in der Frage liegt!

 

Das Buch „Meinst Du, die Russen wollen…? Ein Moskauer Tagebuch“ von Carsten Gansel, 336 Seiten, Softcover, ISBN 978-3-946599-49-4, erschienen bei mecklenbook, Preis 17,95 Euro, ist erhältlich unter Tel. 0800 151 3030 oder auf www.mecklenbook.de und im Buchhandel.

 

 

 

 

Text und Bilder: Elke Enders

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