Autor der Corona-Akten: „Wir werden lernen müssen, mit dem Virus zu leben“

Seit einem Jahr hält Corona die Welt in Atem. Ein Ende der Pandemie ist nicht in Sicht. "Wir sind alle richtig müde", sagt der Journalist Carsten Korfmacher, dessen "Corona-Akten" jetzt bei mecklenbook erschienen sind. Im Interview mit Sirko Salka erklärt der Buchautor, warum wir das Virus wohl nie mehr loswerden und wie wir trotzdem gestärkt aus der Krise kommen können.

Ein Jahr Lockdown in Deutschland: Wie schätzt du die aktuelle Lage ein? Sind wir schon in der dritten Welle?

Wenn man Gesundheitspolitikern wie Karl Lauterbach oder dem Robert Koch-Institut Glauben schenkt, und die lagen ja nicht immer falsch mit ihren Vorhersagen, dann sind wir mittendrin. Wie die meisten hoffe ich aber, dass sich die Infektionslage im Frühjahr ähnlich entwickeln wird wie im vergangenen Jahr. Die nächsten Wochen werden darüber Aufschluss geben, die werden sehr entscheidend. 

Karl Lauterbach von der SPD warnt vor Lockerungen mit Verweis auf viele weitere Todesopfer ... 

Die höchste Risikogruppe sind ältere Menschen. Wenn man die vernünftig durchgeimpft hat, kann man vermutlich mit besserem Gewissen lockern.

Heißt das denn, dass wir die Corona-Inzidenz, also die Zahl der Infektionen pro 100.000 Einwohner, vernachlässigen können, sobald die Hochrisikogruppe ihre Impfund erhalten hat?  

Möglicherweise ja. Der Fokus sollte dann tatsächlich mehr auf den Kapazitäten in den Kliniken liegen: Wie viele Intensivbetten stehen uns zur Verfügung? Die Krux dabei: Es betrifft eben nicht nur Ältere, auch ein 20-jähriger kann einen schweren Covid-19-Krankheitsverlauf haben, der intensivmedizinisch betreut werden muss. Insofern muss man die Inzidenz natürlich im Augen behalten, da sie urplötzlich exponentiell wachsen und außer Kontrolle geraten kann. Das ist ja das, was Angst macht! Momentan haben wir ausreichend Betten. Wir wissen aber auch, dass sich ein Anstieg der Neuinfektionen erst zeitverzögert um vier bis sechs Wochen auf die Kapazitäten in den Krankenhäusern auswirkt. Im Falle eines exponentiellen Wachstums können wir absehen, wie dramatisch die Lage auf den Intensivstationen in zwölf Wochen aussehen wird. 

Worte wie Inzidenz, Reproduktionswert oder Mutanten sind Teil unserer Alltagssprache geworden. Gefühlt sind wir ein Volk von 80 Millionen Corona-Experten – oder wie siehst du das? 

Jeder von uns ist von der Pandemie betroffen, sei es durch Kurzarbeit, Krankheit oder Todesfälle in Familie oder Bekanntenkreis. Erinnere dich zurück: Wann hatten wir je eine Situation, in der ein Thema uns über so einen langen Zeitraum permanent beschäftigt und beunruhigt hat. Das ist sehr ungewöhnlich. Dadurch werden auch die Stimmen laut, die komplexe Informationen nicht optimal verarbeiten können. Nur hält das die Wenigsten davon ab, ihre Meinung kundzutun, etwa in den sozialen Medien.  

Nordkurier Reporter Carsen Korfmacher hat ein Buch über Corona geschrieben.

Leser der Tageszeitung Nordkurier schätzen Carsten Korfmacher für seine tiefgründigen Reportagen und politischen Analysen. Fotos Ulrike Kielmann 

 

In deinem Buch „Corona Akten“ wirst du als Chronist des ersten Pandemie-Jahres vorgestellt. Hat mich überrascht: Wie viele Corona-Jahre sollen denn bitte schön noch folgen? 

Ich gehe davon aus, dass wir Covid-19 nie mehr loswerden. Das Coronavirus wird uns – wie eine Grippe oder HIV – wohl für immer begleiten. Wir werden uns daran gewöhnen müssen und lernen, mit ihm zu leben. 

Warum hältst du eine Ausrottung von Corona für unwahrscheinlich? 

Um eine globale Herdenimmunität zur erreichen, damit sich das Virus nicht mehr verbreiten kann, müssten rund 80 Prozent der Weltbevölkerung immun oder geimpft sein. Das halte ich aus vielen Gründen für ausgeschlossen. Wahrscheinlich bekommen wir nicht mal in Deutschland genug Menschen geimpft.  

Klingt nach Langstrecke: Auf dem Gebiet bist du ja nicht nur was die Corona-Berichterstattung im Nordkurier betrifft Profi. Auch privat läufst du Marathon. Hand aufs Herz: Wie Corona-müde bist du nach einem Jahr? 

Sind wir nicht mittlerweile alle richtig müde? Nicht nur dieser Pandemie überdrüssig, sondern: Man will sich einfach wieder auf sein Leben zurückbesinnen. Mein Fitnesscenter ist nach wie vor geschlossen: Seit einem halben Jahr mache ich dort keinen Sport mehr. Meine Familie lebt in Nordrhein-Westfalen, Besuche sind schwierig. Ich bin gern gereist. Das fehlt mir alles schon. Die vielen Einschränkungen im Alltag belasten die Leute sehr. Und ich kann das gut nachvollziehen. 

 

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Was machen diese Entbehrungen mit uns, die Isolation, das Alleinsein? 

In den Medien berichten wir täglich, wie viele Menschen im Zusammenhang mit Corona verstorben sind. Eine ebenso ehrliche Rechnung würde lauten: Wie viele Stunden an Lebenszeit und wie viele Lebenschancen werden infolge der Corona-Maßnahmen vernichtet. Wo entsteht Armut, die erwiesenermaßen zu einer Verringerung der Lebenszeit führt, durch die Maßnahmen? Und psychische Erkrankungen sind ebenfalls ein wichtiges Thema, das öffentlich zu wenig diskutiert wird. Welche Auswirkungen haben Isolation und Einsamkeit auf uns? Ich glaube, dass das Risiko für emotionale Erkrankungen allgemein zunimmt, je ausgeprägter der Individualismus in einer Gesellschaft ist. Wenn seelische Grundbedürfnisse nicht mehr gedeckt werden. Suizid bei älteren Menschen ist ein Tabuthema und entwickelt sich in eine schlimme Richtung, wenn die Menschen zunehmend isoliert sind. Corona macht das nicht besser.

Vor einem Jahr erlebte Deutschland den ersten Shutdown. Wie hat sich die Pandemie auf dein Leben seither positiv ausgewirkt, mal abgesehen von dem tollen Buch, das du geschrieben hast? 

Corona hat mein Leben zum Glück nicht groß verändert. Als Journalist kann ich flexibel arbeiten, im Homeoffice mich viel besser auf meine Artikel konzentrieren. Themen tiefer recherchieren. Das sind positive Entwicklungen.  

Optimistisch stimmt ein Teil des Buchs, der sich damit auseinandersetzt, ob und wie wir nach der Pandemie in einer besseren Welt leben könnten. Warum sind das Fragen, die uns jetzt umtreiben?

Weil wir mitten in einer Riesenkrise stecken und jeder darunter leidet. Umso wichtiger ist es, einen Hoffnungsschweif am Horizont zu sehen. Wann, wenn nicht jetzt, sollten wichtige, dringend notwendige, gesellschaftliche Debatten angestoßen werden?

 In seinem Buch verhandelt Korfmacher auch die großen gesellschaftspolitischen Fragen, die während der Krise diskutiert werden und ein wenig Hoffnung geben sollen.

In seinem Buch verhandelt Korfmacher auch die großen gesellschaftspolitischen Fragen, die während der Krise diskutiert werden und ein wenig Hoffnung verbreiten sollen: In welcher (besseren) Welt werden wir nach der Pandemie leben?

 

Zunächst mal kurzfristig, welche dringenden Probleme sollten wir im zweiten Coronajahr angehen? 

Bisher haben wir uns größtenteils auf medizinische und virologische Aspekte konzentriert, was richtig war. Nun müssen wir den Blick auf das Wirtschaftliche weiten. Nicht nur, um massive Arbeitslosigkeit und Firmenpleiten zu verhindern. Sondern wir werden andernfalls große gesellschaftliche Probleme bekommen. Verantwortlich dafür ist nicht nur die Pandemie und unsere Reaktionen darauf, wenngleich das die Lage verschärft. Als Beispiele nenne ich den demografischen Wandel, die Bedrohung des Rentensystems, die Digitalisierung, die fulminanten Veränderungen der Arbeitswelt. Schon heute spalten die daraus resultierenden Konflikte die Gesellschaft. Deshalb suche ich im Buch nach Antworten, wie es um unser Demokratieverständnis und die gemeinsamen Werte bestellt ist.

Eingangs hast du geschildert, dass heutzutage jeder seine Meinung kundtun kann. Gerade im Zeitalter der sozialen Medien. Teilst du den Eindruck, dass Corona dort für eine rege Blüte von Verschwörungstheorien und Mythen verantwortlich ist? 

In den sozialen Medien haben wir neue Dynamiken, andere Organisationsformen und schnellere Möglichkeiten einer Radikalisierung. Ich glaube aber nicht, dass es mehr Verschwörungstheorien gibt als vor 30 oder 50 Jahren. Jemand, der wie ich in einem Düsseldorfer Arbeiterviertel mit 80 Prozent Migrationshintergrund großgeworden ist und sich viel in Kneipen und Fußballstadien rumgetrieben hat, der hat schon immer die abenteuerlichsten Sachen gehört. Neu ist, dass diese Leute, darunter natürlich auch Spinner, ihre Überzeugungen nun in den sozialen Medien kundtun. Dadurch fließen ihre Themen und Sorgen automatisch mit in die öffentliche Debatte ein. 

Mag sein, dass deren Qualität daruter leidet. Das Fantastische aber ist: Jetzt können wir Leute erreichen, die früher kein Gehör fanden. Von denen wir nicht wussten, was sie denken oder wie sie handeln. Im besten Falle entsteht ein Austausch, eine gemeinsame Diskussion. Das stimmt mich hoffnungsvoll. Heutzutage bauen wir Brücken in jede Ecke unserer Gesellschaft. 

 

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