"Die meisten Täter sind keine Monster, sondern arme Würstchen"

Für den Nordkurier berichtet Thomas Beigang über spektakuläre Gerichtsfälle in Mecklenburg-Vorpommern sowie über das Schicksal von Menschen, die in ihrem Leben einmal gestrauchelt sind. In der Buchreihe „Kriminalakte“ von mecklenbook sind viele seiner Reportagen noch einmal überarbeitet veröffentlicht worden. Nach 25 Jahren als Gerichtsreporter kommt Beigang zu dem Fazit: „Jeder von uns kann einmal vor dem Kadi landen.“ Sirko Salka traf ihn zum Interview.

Wie wirkt sich denn der Lockdown auf die Gerichte aus, ist das grad eine gute Zeit für Ganoven?

Thomas Beigang: Im vergangenen Frühjahr waren die Gerichte für ein paar Wochen geschlossen. Damals mussten alle Verhandlungen ausgesetzt und verschoben werden. Aktuell sind mir keine Pausen bekannt.

Wie kann ich mir in Corona-Zeiten Verhandlungen vorstellen, alle mit Maske oder einzeln vor der Webcam? 

Nein, es wird öffentlich verhandelt. Entsprechend der Auflagen sind weniger Stühle - im Abstand von zwei Metern - im Gerichtssaal. In den Fluren ist das Tragen eines Nasen-Mund-Schutzes vorgeschrieben, während der Verhandlung obliegt die Entscheidung dem Richter. 

Warum sind Verhandlungen öffentlich?

Das gehört zu den demokratischen Grundprinzipien. Urteile sollen für die Öffentlichkeit nachvollziehbr sein. Es geht um Transparenz. Ausgenommen sind Jugenddelikte. 

Seit 25 berichtest du aus den Gerichten. Macht dir das Spaß, jede Woche vor den Richtern zu sitzen?

Ja, das ist ein Spiegelbild des Lebens. Ich verstehe Lokalredaktionen nicht, die das vernachlässigen. Für uns Journalisten sind es die einfachsten Geschichten. Eine Stunde auf Termin. Schon hast du deinen Aufmacher. Vom Landgericht bekomme ich Presseinfos, beim Amtsgericht frage ich einmal die Woche nach, ob was Interessantes anliegt. 

Was für Fälle findest du spannend?

An den Tötungsdelikten, die am Landgericht verhandelt werden, kommt man als Journalist nicht vorbei. Spannend sind aber auch die unscheinbaren Geschichten des Lebens. Sei es ein bisschen Sozialbetrug oder der 17. Ladendiebstahl. Ich finde Leute, die gestrauchelt sind, oftmals interessanter als jene, denen alles in den Schoß fällt, wo alles glatt läuft.

In den Kriminalakten erwähnst du, dass die Täter selten Monster sind …

Oftmals sind es arme Würstchen. Wenn jemand mit seinem Leben nicht zurechtkommt, bereits am 15. keine Knete mehr hat und sich ein Stück Leberwurst aus dem Supermarkt klaut… In den vielen Jahren habe ich eins begriffen: Niemand soll von sich behaupten, er würde niemals vor dem Kadi landen. 

Wie meinst du das?

Eine Sekunde der Unbeherrschtheit genügt. Ein bisschen Gier. Zu viel Fusel an der verkehrten Stelle. Oder den falschen Leuten vertraut - ich möchte nicht die moralische Keule schwingen. Weil ich glaube, jeder kann mal als Angeklagter vor dem Amtsgericht landen.  

Einige deiner Gerichtsreportagen gehen aber schon ans Eingemachte. Wie gehst du mit den Emotionen um, welche Geschichten gehen dir nahe?

Es gibt viele Fälle, die mich heute noch berühren. Das Landgericht Rostock verurteilte seinerzeit eine Mutter, die ihrer Tochter über Jahre ätzende Flüssigkeiten verabreicht hat. Zusammengerechnet war die arme Lütte ein halbes Jahr im Krankenhaus. Irgendwann ist das einem aufmerksamen Kinderarzt aufgefallen. Entsetzliche Details: Ihre Speiseröhre war zehn Prozent so durchlässig wie eine normale. Die Mutter hat dann zehn Jahre gekriegt, die Lütte kam in eine Pflegefamilie.

Warum tut eine Mutter so was?

Sie hat das über einen langen Zeitraum gemacht. Ihrem Kind die Flüssigkeit reingekippt, Notarzt gerufen, Tochter kam ins Krankenhaus - damit sie eine Weile ihre Ruhe hatte. Fehlende Empathie würde ich sagen. Tröstlich an der Geschichte ist, dass das Mädchen wahrscheinlich kaum bleibenden Schäden davon getragen hat.

Thomas Beigang vom Nordkurier hat bereits vier Bände der Kriminalakte geschrieben. Foto: Ulrike Kielmann

Thomas Beigang vom Nordkurier hat bereits in vier Büchern der Erfolgsreihe Kriminalakte spannende und unterhaltsame Reportagen veröffentlicht. Fotos: Ulrike Kielmann

Stimmt das denn, dass viele Verbrechen von Verwandten begangen werden?

Das ist keine Überraschung: Tötungsdelikte spielen sich meist innerhalb der Famlie oder im sozialen Umfeld ab. Beim Missbrauch verhält es sich ähnlich. Oft ist es nicht der fremde Onkel, sondern der eigene. Weshalb die Tätersuche in Mecklenburg-Vorpommern nicht schwer ist. Auch darüber habe ich mal geschrieben. Die müssen nur der Alkoholfahne und dem Blut folgen. In der Regel passiert es im Suff, der eine haut dem anderen die Rübe ein. Manchmal ist die Polizei da, und die schlafen noch den Rausch aus.

Gibt es in Mecklenburg-Vorpommern mehr oder weniger Kriminalität als in Großstädten wie Hamburg oder Berlin?

Von Tötungsverbrechen über Drogendelikten bis hin zu Entführung gibt es auf dem Land auch alles, natürlich nicht so konzentriert. Bandenkriminalität ist hier vielleicht nicht so das Thema. 

Wie oft hast du als Journalist Ärger bekommen, möglicherweise von Angehörigen des Angeklagten oder Täters?

Das ist mir nur einmal passiert. Der Bruder eines Angeklagten drohte mir in Waren Prügel an, weil er meinte, aus meinen Texten könne man auf dessen ach so unbescholtene Identität schließen. Die wollten mir auflauern. Da hatte ich eine Weile bisschen Schiss. Hab immer erst mal geguckt, wenn ich zum Auto gegangen bin.

Gab es umgekehrt emotionale Momente mit Angehörigen eines Opfers?

Der Fall Susann Jahrsetz hat viele Menschen, mich auch, sehr bewegt. 1994 war das Mädchen spurlos verschwunden. Vier Jahre später fand man ihre sterblichen Überreste auf einem Acker. Verdächtigt wurde ein Mann aus der Nachbarschaft, der zu DDR-Zeiten ein Kind getötet hatte. Allerdings war die Beweislage vor Gericht so dünn, dass es nicht für eine Anklage reichte. Für die Kriminalakte Vermisst bin ich 2017 noch einmal zu der Mutter gefahren. Davor hatte ich Bammel, aber es war ein sehr gutes Gespräch. 

Ich bin mit der Mär aufgewachsen, dass es in der DDR kaum Verbrechen gab. Stimmt das?

Man hat immer gesagt, Verbrechen sind dem Sozialismus wesensfremd. Aber es gab genauso Gier, es gab Eifersucht. Sicherlich hat es nicht so viele Banküberfälle gegeben. Wohin sollten die Leute auch fliehen, mit ihrer geraubten DDR-Mark? Die Selbstmordrate war im Osten wohl höher als im Westen. Umgekehrt haben wir heute keine Republikflucht mehr.

Mir fällt noch Internetbetrug ein, den gab’s ja in den analogen Zeiten nicht.

Das stimmt natürlich. Solche Internetbetrüger, die auf ebay etwas zum Verkauf anbieten und nach Bezahlung die Ware nicht versenden, haben wir relativ häufig. Selten dumm natürlich, den Leuten kommt man schnell auf die Schliche.

In den sechs Bänden der Kriminalakte, von denen du gleich vier geschrieben hast, nehmen solche Fälle auch Raum ein. Welchen Teil der Reihe findest du am gelungensten?

Der Jüngste, Teil sechs, ist der Beste, weil ich da die meiste Zeit reingesteckt habe. Nach meiner Knie-OP hatte ich reichlich Zeit dafür. 

Deine Texte machen Spaß und zeigen, dass Gerichtsreportagen nicht öde sein müssen. Heine oder Busch werden mitunter zitiert…

Geschichten erzählen - wenn ich mit Juristendeutsch komme, versteht das keiner. Und da ich auch etwas eitel bin, gebe ich mir besondere Mühe.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

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