Erinnerungen an Königsberg, die unvergessene Perle Ostpreußens

Während des Zweiten Weltkrieges wurde die ostpreußische Residenzstadt bei schweren Bombenangriffen zerstört. Nordkurier-Reporter Frank Wilhelm beschreibt das für die Stadt dramatische Jahr 1944 im sechsten Band der Erfolgsreihe "1945. Zwischen Krieg und Frieden". Viel vom alten Flair des heutigen Kaliningrad sei damals unwiderruflich verloren gegangen. Wir veröffentlichen hier den kompletten Beitrag aus dem neuen Buch.

Von Frank Wilhelm

Das alte Königsberg und einer seiner großen Söhne

Das Schloss, der Dom, die vielen anderen Kirchen, die historischen Viertel der Stadt, die Festung, Königsberg als pulsierende Handelsstadt – all das macht wohl den Reiz der Stadt aus. Abgesehen von der kulturellen Bedeutung, die insbesondere mit der Universität und dem berühmten Philosophen Immanuel Kant verbunden ist, der in Königsberg geboren wurde und hier auch starb.

Doch der Reiz der Stadt wurde im August 1944 durch mehrere schwere Bombenangriffe britischer und amerikanischer Flieger für immer zerstört. Wenige Monate später betraten sowjetische Soldaten dann erstmals auch deutschen Boden. Die Rotarmisten hatten seit 1941 ihre Heimat gegen Wehrmacht und SS verteidigt, sie hatten die Gräueltaten an ihrer Zivilbevölkerung, an den Juden erlebt, die Ausradierung ganzer Dörfer, sie waren durch zahlreiche schwere Kämpfe gegangen, hatten vielfach Familienmitglieder und Kameraden verloren.

Einblick in die Psyche der sowjetischen Soldaten

Lew Kopelew, der spätere Schriftsteller und Dissident, war als junger Offizier beim Einmarsch der Truppe in Ostpreußen dabei und hat später die Psyche der sowjetischen Soldaten beschrieben: „Was ist zu tun, damit der Soldat Lust zum Kämpfen behält? Erstens: Er muss den Feind hassen wie die Pest, muss ihn mit Stumpf und Stiel vernichten wollen. Und damit er seinen Kampfeswillen nicht verliert, damit er weiß, wofür er aus dem Graben springt, dem Feuer entgegen in die Minenfelder kriecht, muss er zweitens wissen: Er kommt nach Deutschland und alles gehört ihm – die Klamotten, die Weiber, alles!“[1] 

Ein Interview mit Birgit Langkabel und Frank Wilhelm, den Herausgebern von "1945. Zwischen Krieg und Frieden" lesen Sie hier: "Für uns sind Frauen die Heldinnen dieser Zeit"

 

Das Schloss mit dem Schlossteich und der Schlossfreiheit gehörte zu den Sehenswürdigkeiten Königsbergs.

Das Schloss mit dem Schlossteich und der Schlossfreiheit gehörte zu den Sehenswürdigkeiten Königsbergs. Quelle: Sammlung Koschwitz in www.bildarchiv-ostpreussen.de

Kopelew will die Plünderungen und Vergewaltigungen während des Vormarsches der Roten Armee in Deutschland nicht rechtfertigen. Als Offizier hat er sich selbst mehrfach rachsüchtigen sowjetischen Soldaten entgegengestellt. Er wurde dafür von anderen Offizieren denunziert und kam für mehrere Jahre in Lagerhaft. Kopelew geht es darum, Gewalt im Krieg verstehen zu lernen, eine Gewalt, die man eigentlich nicht verstehen kann.

Eggesinerin gelang die Flucht aus eingekesseltem Königsberg

Hitler persönlich gab den Befehl, Königsberg wie eine Festung zu verteidigen, was in seiner Gedankenwelt bis auf den letzten Mann bedeutet. Im Januar 1945 begann die sowjetische Offensive. Am 22. Januar fuhr der letzte Zug aus Königsberg Richtung Berlin ab. Neun Tage später war die Stadt von der sowjetischen Armee eingekesselt. Kurz zuvor schaffte die Mutter von Jürgen Grümmert, der heute in Eggesin lebt, mit ihren Kindern noch die Flucht über die Ostsee. Danach gab es nur noch einen schmalen Fluchtkorridor für die Zivilbevölkerung. Am 6. April begann die Offensive der Roten Armee, drei Tage später kapitulierte General Otto Lasch. 110.000 deutsche Zivilisten sollen sich zu diesem Zeitpunkt noch in der Stadt befunden haben.[2]

Im Herbst 2020 erschien bei mecklenbook der fünfte Band der Reihe. Erneut standen Leserberichte im Mittelpunkt: Emotionale Erinnerungen an das Kriegsende vor 75 Jahren.

Vor dem Krieg pulsierende Stadt: Der Münchenhof mit dem Töpfermarkt und dem städtischen Realgymnasium von Königsberg.

Vor dem Krieg pulsierende Stadt: Der Münchenhof mit dem Töpfermarkt und dem städtischen Realgymnasium von Königsberg. Foto: Verlag O. Ziegner - Wikipedia

Für die Deutschen war der Einmarsch der Roten Armee alles andere als eine Befreiung. Die Bevölkerung, die durch die Bombardements ohnehin schon viel verloren hatte, wurde bis aufs letzte Hemd ausgeplündert. Frauen wurden vergewaltigt. Zivilisten für Kleinigkeiten erschossen. Kopelew beschreibt, dass die Rotarmisten vielfach auch vor ausländischen Zwangsarbeiten kein Halt machten. Im Juni 1945 wurden noch 73.000 deutsche Überlebende in Königsberg registriert. Es herrschten Hunger und Krankheiten, so dass viele Menschen einfach an Entkräftung starben, wie der Vater von Wally Dräger, die 1947 in Königsberg geboren wurde.

Nur wenige Sehenswürdigkeiten sind erhalten geblieben

Genaue Zahlen zu den Überlebenden sind schwer zu benennen, da seinerzeit keine genaue Statistik geführt wurde. Der Zeitzeuge Dr. ing. Erich B., der bis 1948 in Königsberg lebte, schätzte, dass etwa 50.000 Königsberger zwischen 1945 und 1948 umkamen. Im Oktober 1947 beschloss die sowjetische Regierung die Umsiedlung der verbliebenen Deutschen aus Kaliningrad und ging dabei von 30.000 Menschen aus. Was an erhaltenswerten zerstörten Bauwerken nach dem Krieg übriggeblieben war, wurde in späteren Jahre auch aus ideologischen und städtebaulichen Gründen dem Erdboden gleichgemacht, wie beispielsweise das Schloss.

Die Ruine des Doms blieb im Gegensatz zu den Resten des Schlosses stehen. Das Gotteshaus wurde mittlerweile wieder aufgebaut.

Die Ruine des Doms blieb im Gegensatz zu den Resten des Schlosses stehen. Das Gotteshaus wurde mittlerweile wieder aufgebaut. Foto (auch Titelfoto): Friedhelm Schülke

Die Börse ist eines der wenigen, heute noch erhalten gebliebenen historischen Gebäude. Die Ruine des Doms blieb bis in die 1990er Jahren hinein stehen, wohl auch wegen des Kant-Grabmals an der Nordost-Ecke der Außenmauer des Domes. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde der Dom auch mit finanziellen Mitteln aus Deutschland von 1992 bis 1998 wieder aufgebaut.



[1] Lew Kopelew: Aufbewahren für alle Zeit! Autobiografie Teil 2. Göttingen: Steidl, 1996.

[2] www.ostpreußen.net, Stand vom 14. Juni 2021

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