Von der Notpappe zur Wertanlage - Kuriositäten und Erfindungen aus der DDR

Aus der Not eine Tugend machen - darin waren DDR-Bürger Weltspitze. Pfiffigkeit und ein Quäntchen Erfindergeist hatten sie mehr oder weniger mit der Muttermilch eingesogen. Und so schlummern noch heute in den Kellern und Garagen mancher Ostdeutscher Basteleien und Kuriositäten, die längst zum deutschen Kulturgut gehören. In seinem Buch "Einfach total genial ... warum wir Ossis nicht zu bremsen sind" erklärt Frank Wilhelm außerdem, wie der Trabant zum Kultauto werden konnte. Sirko Salka traf den Autoren zum Interview.

Was hast Du in Deinem Leben schon erfunden oder gebastelt, auf das Du heute noch stolz bist?

Auf die Steinmauern und Terrassenbeete bei uns zuhause bin ich richtig stolz. Für die kleinen Meisterwerke habe ich tonnenweise Feldsteine mit dem Pkw-Hänger aus einer Kiesgrube geholt, den Mörtel mit der Hand angemischt und dann Mauer um Mauer gezogen. Die Terrassenformen und Hochbeete, die ich auf meinem Grundstück angelegt habe, sind wenn man so will auch eine Art Erfindung.  

Hast Du Dir das selbst beigebracht? 

Vielleicht habe ich das Talent ein bisschen von meinem Vater geerbt, der sich einst ein eigenes Haus gebaut hat. Aber er ist gleichermaßen eine gute Warnung, weil mein Vater viele Unfälle beim Bauen hatte. Einmal ist er sogar dem Betonmischer hinterhergeflogen ist und hat sich dabei die Schulter gebrochen! Von daher versuche ich, das alles vorsichtiger anzugehen und auch mehr Pausen zu machen als mein Vater.

 

Hier finden Sie weitere Bücher von Frank Wilhelm:
Unsere besten Ostwitze - kennst du den?
1945. Zwischen Krieg und Frieden, Sechster Teil
RAF im Osten - Terroristen unter dem Schutz der Stasi

 

Not macht erfinderisch. Inwiefern trifft das auf die ehemaligen DDR-Bürger zu?

Es ist tatsächlich so: Da wo nichts ist - oder wo nur wenig oder teilweise was ist, muss man sich so seine Gedanken machen und mitunter Dinge erfinden oder zusammenbasteln, die auf den ersten Blick überraschend sind. Ein gutes Beispiel, dem ich nach der Wende vielfach begegnet bin, ist dieser Rasenmäher, der aus einem Waschmaschinenmotor und Kinderwagengestell zusammengeschraubt wurde.

Im Buch erzählen wir auch die Geschichte eines Mannes, der sich in Löcknitz aus einem alten Feuerwehrauto einen fahrtüchtigen Traktor gebaut hat. Dafür verwendete er unter anderem die Reifen eines Armee-Lkw und Karosserieteile eines Moskwitchs.   

Woran mangelte es in der DDR am meisten? Am Material, an der Kohle?

Na ja, das war ja vieles. Wenn man in der DDR zum Beispiel ein Fest ausrichten wollte - damals hat man meist zu Hause gefeiert, weil es schwierig war, große Gesellschaften in Gaststätten unterzukriegen, dann musste man frühzeitig Vorkehrungen treffen. Also haben die Leute schon lange vor einer anstehenden Jugendweihe oder Hochzeit angefangen, den Schnaps, Wein oder Sekt zu kaufen. Auch das Fleisch musste besorgt werden, immerhin wollte man den Gästen mal was Gutes vorsetzen.

Eine gestrickte Papierhülle für das Badezimmer.

Originell und praktisch, darauf verstand man sich im Osten: Dieses gestrickte Fantasiewesen wurde als Papierhülle im Badezimmer verwendet. Foto: www.mecklenbook.de, Autorenfoto: Anne Breitsprecher 

 

Eine andere Sache war die Bekleidung. Da weiß jeder aus der DDR seine eigene Geschichte zu erzählen. Vieles kann man sich heute nicht mehr vorstellen, etwa, dass Frauen nach Schnittmustern aus Zeitungen, mitunter sogar aus Westzeitschriften, Hochzeitskleider genäht haben. Aber dafür brauchte man dann auch den passenden Stoff und natürlich eine Nähmaschine. 

Die Geschichte mit dem West-Hochzeitskleid ist im Buch nachzulesen. Mal Hosen runter: An welche peinliche Klamottenstory erinnerst Du Dich persönlich noch?

(lacht) Ich muss mich immer wieder daran erinnern, wie mein Vater mir in Neuhaus am Rennsteig Kleidung gekauft hat. Neuhaus war die höchstgelegene Kleinstadt der DDR, ein halbes Jahr im Schnee (oder Matsch) liegend und nicht so gut versorgt. Damals war ich elf oder zwölf und ich kann mich daran erinnern, dass die Regale in der Jugendmode mehr leer als belegt waren.

Das einzige in meiner Größe war ein beigefarbener karierter Hosenanzug mit einem Kunstledergürtel. Das war damals üblich. "Das nehmen wir, steht Dir gut", beurteilte mein Vater und kaufte ihn für mich. Leider hab ich das Teil nicht mehr. Aber das war mein Klamottenmoment.

Weißt Du, ob es Erfindungen aus der DDR je ins Buch der Weltrekorde geschafft haben. Und: Wären die Kuriositäten nicht was für TV-Sendungen wie Bares für Rares?

Ersteres bezweifele ich, da die DDR ja recht abgeschottet war. Ich denke auch nicht, dass die Erfindungen für den Einzelnen von solchem Interesse und ein Fall für "Bares für Rares" wären. Aber es gibt Museen, wie das Textilmuseum in Forst, die zielgerichtet Stücke aus DDR-Zeiten sammeln und museal aufbereiten und somit Kulturgeschichte bewahren.

 

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In der DDR haben die Leute aus der Not eine Tugend gemacht. Man sagt gemeinhin, die Ossis waren pfiffig. Sind sie das heute, 32 Jahre nach Mauerfall immer noch? 

Ich würde sagen: Wenn es mal hart auf hart käme und es irgendetwas nicht gäbe, dann würde sich der Ossi sicherlich eher zu helfen wissen als der Wessi, weil das - bewusst zugespitzt - in seinem Grundgen eingeschrieben ist. Diese ostdeutsche Tugend ist das eine, das andere ist die Freude am Basteln und Gestalten. Das hat mir mal ein Erfinder aus der Uckermark gesagt, der unzählige Autos zusammengebaut und auch nach der Wende noch Seifenkisten für seine Enkel gebastelt hat.

Aus zwei Trabis wurde diese schwimmende "Trabitanic" gebaut.

Was ist das denn? Ein Boot oder ein Trabant? Die Trabitanic im Rechliner Luftfahrtmuseum sieht ungewöhnlich aus, hat es aber sogar schon über die Müritz geschafft. Foto: Wolfgang Wiek

 

Das Kapitel "Go, Trabi, Go!" beschäftigt sich mit dem Kult um dieses Fahrzeug. Mir fällt es nicht leicht, den Trabant ein Auto zu nennen. Kaum Leistung. Pappe statt Blech. Er war ein Stinker. Wie erklärst Du die Trabi-Liebe im Osten?

Der Trabant erfährt heute eine Wertschätzung, die er vor 1990 nie erfahren hat. Von der Notpappe zur Wertanlage: Es gibt heute viele Liebhaber. Seine einfache Form regt offenbar die Fantasie an, was man aus dem Fahrzeug noch machen kann. Beispiele finden sich im Buch. Nicht zuletzt sind gebrauchte Trabis aufgrund der Ersatzteile, die darin schlummern, als Wertanlage begehrt. 

Und noch ein Argument für den Kult: Kaum ein anderes Produkt wird so stark mit der DDR verbunden wie der Trabant. Inzwischen ist der Trabi ein Kulturgut. Für viele ein Stück Identität. Da schwingt neben dem Schmunzeleffekt natürlich auch Wertschätzung mit. 

 

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Erinnerungen an Königsberg, die unvergessene Perle Ostpreußens
1945. Zwischen Krieg und Frieden: "Für uns sind Frauen die Heldinnen dieser Zeit"
Autor Frank Wilhelm im Interview bei Deutschlandradio

 

Welche Erfindung oder Kuriosität im Buch findest Du am Originellsten? 

Bei meinen Lesungen mache ich immer ein Ratespiel, zeige Bilder und frage die Leute: Was könnte das sein? Den Rasenmäher erkennen sie alle. Weit schwieriger wird es mit unserer Feinwaschmaschine zur Säuberung von Feinwäsche. Auf dem Bild sieht man einen weißen Kasten, eine Schüssel und einen Klopömpel - also feinste Technik. Zur Erklärung: Feinwäsche zieht man nur durch warmes Wasser, fasst sie also sanft an wie Wolle. 

Der Pömpel, der über einen Waschmaschinenmotor hoch und runter gewieft und so in Schwingungen versetzt wurde, ersetzte die Handarbeit. Das finde ich in seiner Einfachheit und Genialität den Hammer. Von den Büchern, die ich machen durfte, ist dieses wegen der vielen schönen Ost-Geschichten, die mir die Menschen oder ihre Erfindungen erzählten, mein Lieblingsbuch.   

 
Buchlesung mit Frank Wilhelm und "Einfach total genial ..." in der Gaststätte „Waldeslust“ in Neuendorf am 28.4.2022 um 18.30 Uhr
 
Tags: DDR
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