Warum es für diese Neubrandenburgerinnen ein Denkmal geben sollte

Band 6 der Reihe "1945. Zwischen Krieg und Frieden" ist doch gerade erst in den Buchläden ausgepackt worden. Schon legen die Herausgeber mit einem Bildband nach, der äußerst seltene Ansichten von Neubrandenburg versammelt. Das Buch entstand in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv. Es ist ein Glücksfall: Denn die Fotos dokumentieren drei Jahrzehnte einer widersprüchlichen Stadt. 

Bildband zeigt spektakuläre, größtenteils unveröffentlichte Fotos

Für Nordkurier Reporter Frank Wilhem ist die Stadt Neubrandenburg ein geeignetes Brennglas, das ziemlich genau widerspiegelt, was sich während der NS-Zeit bis in die 1950er Jahre hinein in vielen Gegenden Deutschlands abgespielt hat. Von der Machtergreifung der NSDAP und der baldigen Ansiedlung von Rüstungsindustrie in einem als militär-strategisch günstig befundendenen Ort, über die Errichtung eines Kriegsgefangenenlagers mit Beginn des Zweiten Weltkrieges, bis hin zur Zerstörung des historischen Stadtkerns und jahrelange Wiederaufbaus - der Bildband zur Buchreihe "1945. Zwischen Krieg und Frieden" zeigt spektakuläre, größtenteils noch unveröffentlichte Bilder aus der Vier-Tore-Stadt.

Die Fotos stammen aus dem Neubrandenburger Stadtarchiv. "Dank meiner regelmäßigen Zusammenarbeit mit der Leiterin Eleonore Wolf wusste ich, über welche Schätze das Stadtarchiv verfügt", sagt Wilhelm, der gemeinsam mit Birgit Langkabel alle sechs bisher erschienenen Bände der Erfolgsreihe herausgegeben hat. Insgesamt umfasst der Archiv-Schatz rund 16000 Abzüge. Die meisten der wertvollen Bestände fanden erst nach 1990 einen Platz im Archiv. Eleonore Wolf nennt es das "Glück der Wende", dass plötzlich etliche Privatpersonen, auch aus dem Ausland, ihre Aufnahmen zwecks Dokumentation zur Verfügung stellten. Unter den Fotos sind übrigens sogar Farbaufnahmen aus dem Kriegsgefangenenlager. 

Das große Interview mit Eleonore Wolf und Frank Wilhelm zum neuen Bildband können Sie hier nachlesen: "Für die Trümmerfrauen sollte es ein Denkmal geben"

In der historischen Innenstadt pulsierte einst das Leben

Chronologisch startet der Bildband mit historischen Aufnahmen aus den 1930er-Jahren, die eine pulsierende Innenstadt zeigen. "In vielen Straßen Neubrandenburgs reihte sich ein Geschäft ans andere", sagt Willhelm. Bis in die 1940er Jahre habe es allein in der City 40 Gaststätten und mehrere Hotels gegeben. Kein Wunder, schließlich war die Stadt ein Zentrum des Handels, das Menschen aus der Region anzog. Zudem war Neubrandenburg ein Verwaltungsstandort und Verkehrsknotenpunkte - und wurde durch die Nazis dann zum Rüstungsstandort auserkoren. "Die geografischen Gegebenheiten waren günstig", nennt Eleonore Wolf einen der Gründe dafür, "Im Tollensesee konnte man Torpedos testen." 

Braune Schatten: Ein Spielmannszug der SA marschiert am 1. Mai 1934 durch die Friedländer Straße. 

Braune Schatten: Ein Spielmannszug der SA marschiert am 1. Mai 1934 durch die Friedländer Straße. Foto: Archiv Manfred Smolinski   

Im Buch sind Fotos aus der Sammlung von Manfred Smolinskiz abgebildet, die einen SA-Spielmannszug zeigen, der 1934 durch die Straßen zieht. Kindern bejubeln die Szenerie. Ein paar Seiten weiter (und Jahre später) sieht man, wie Kriegsgefangene durch die Stadt getrieben werden. Den etliche Kilometer langen Marsch vom Bahnhof bis ins Lager nach Fünfeichen, mussten alle Gefangene - oft zur Ermunterung von Schaulustigen - zu Fuß zurücklegen.

Das Elend sowjetischer Kriegsgefangener in Fünfeichen

Auch aus dem Kriegsgefangenenlager gibt es zahlreiche, von Häftlingen gemachte Fotos. Einige der Schnappschüsse sorgen beim Betrachten für Irritationen: So sieht man westalliierte Insassen bei Sport oder Theaterproben. Während sowjetische Gefangene keine Privilegien genossen haben. "Die unterschiedliche Behandlung ist dramatisch gewesen", weiß Wolf aus Erlebnisberichten. "Nur ein Beispiel: Während die US-Amerikaner Schuhcreme bekamen, haben die Rotarmisten ihre Lederschuhe eingeweicht, um etwas zu essen zu haben!" Frank Wilhelm war es daher wichtig, im Buch über das Schicksal eines jungen Rotarmisten zu berichten, stellvertretend für fast 6000 sowjetische Kriegsgefangene, die in Fünfeichen zu Tode kamen.

Der in den 1930er-Jahren fotografierte Blick über die Innenstadt zeigt die historischen Strukturen der Stadt.Der in den 1930er-Jahren fotografierte Blick über die Innenstadt zeigt die historischen Strukturen der Stadt. Foto: Stadtarchiv Neubrandenburg

Bis unmittelbar vor Kriegsende blieb Neubrandenburg von Bombenangriffen verschont. Als die Rote Armee Ende April 1945 anrückte, lautete die militärische Entscheidung, die Stadt zu verteidigen. Infolgedessen wurde die Innenstadt an den allerletzten Kriegstagen größtenteils zerstört. Von diesem Drama gibt es etliche Aufnahmen und Dokumente. "Manfred Schmidt, ein ater Neubrandenburger, beschreibt sehr plastisch eine Artilleriestellung am Schwanenteich", sagt Frank Wilhelm. Im Band ist der Bericht eines französischen Kriegsgefangenen zu lesen, der nach seiner Befreiung durch die Stadt streift und überall gefallene deutsche und sowjetische Soldaten sieht. Das seien deutliche Hinweise, dass Neubrandenburg nicht kampflos aufgegeben wurde.

Sieben Jahre musste Neubrandenburg enttrümmert werden

1945 führte der sowjetische Geheimdienst NKWD Fünfeichen als Sonderlager weiter. Fast 90 Prozent der Insassen wurden dort ohne Gerichtsverhandlung festgesetzt, neben NSDAP-Funktionären traf das allerdings auch viele Mitläufer. Die Haftbedingungen waren äußerst schlecht, der Hunger groß. Ein Drittel der Inhaftierten ist laut Wolf im NKWD-Lager verstorben.

Im sechsten Band von "1945. Zwischen Krieg und Frieden" beschreibt Frank Wilhelm die Zerstörung des heutigen Kaliningrad im Jahre 1944. Erinnerungen an Königsberg, die unvergessene Perle Ostpreußens.   

Eleonore Wolf, Leiterin des Stadtarchivs Neubrandenburg, und Nordkurier-Reporter Frank Wilhelm, haben den Band gemeinsam herausgebracht.

Eleonore Wolf, Leiterin des Stadtarchivs Neubrandenburg, und Nordkurier-Reporter Frank Wilhelm, haben den Band gemeinsam herausgebracht. Foto: Danilo Vitense

In der Stadt schlug derweil die große Stunde der Neubrandenburgerinnen. Tatkräftige Trümmerfrauen waren im Einsatz, um den immensen Schutthaufen in der "Vier-Tore-Stadt", zu beseitigen. Sieben Jahre lang mussten die Menschen ihre Stadt enttrümmern, bis 1952 der Grundstein für ein erstes Wohngebäude gelegt werden konnte. "Das beeindruckt mich ungemein", sagt Eleonore Wolf. "Diese Energie und der Wille der Menschen, ihre Stadt wieder aufbauen zu wollen – und das auch geschafft zu haben." Neubrandenburger wie Frank Wilhelm finden deshalb, dass es für die Trümmerfrauen längst ein Denkmal geben sollte.

Insbesondere die Frauen leisteten Großartiges beim Enttrümmern der Innenstadt von Neubrandenburg.  

Insbesondere die Frauen leisteten Großartiges beim Enttrümmern der Innenstadt von Neubrandenburg. Foto: Walter Martin, Stadtarchiv Neubrandenburg 

Dem Wiederaufbau Neubrandenburgs, der unter schwierigen Bedingungen startete und gut 15 Jahre dauern sollte, widmet sich das ausführlichste Kapitel des Buches. Darin erfährt man beispielsweise, warum einige, recht markante Sehenswürdigkeiten wie das historische Rathaus, modern-klotzige Karstadt oder ein stattliches Hotel in der Innenstadt nicht wieder aufgebaut wurden - die heutige Konzertkirche hingegen immerhin schon. Dank der starken Fotos und authentischen Texte bietet der Bildband von mecklenbook gerade auch jüngeren Leuten einen raschen und trotzdem differenzierten Einstieg in die Stadtgeschichte um 1945.  

Text: Sirko Salka

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