Was zum Bildband "1945. Zwischen Krieg und Frieden" noch zu sagen wäre

Sechs Bücher umfasst die Reihe "1945. Zwischen Krieg und Frieden" bereits. Nun ist noch ein Fotobuch dazu gekommen, dass seltene Aufnahmen von Neubrandenburg zeigt. Ein literarisches Denkmal, meint der Geschichtsforscher Hans-Joachim Nehring dazu in seiner Rezension. Doch er vermisst in dem Bildband auch einiges.

Zunächst gilt es dem Autor Dr. Frank Wilhelm zu seinem neuem Bildband über die Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg herzlich zu gratulieren. In mehr als 120 Fotos werden das alte Neubrandenburg, nach 1945 die zertrümmerte Innenstadt, die Mühsal des Wiederaufbaus, das Leid der Menschen auf der Flucht und das Elend in den Gefangenenlagern gezeigt.

Die Fotos des vorgelegten Bildbandes zeigen eindrucksvoll, mit welch hohem Einsatz die Trümmerfrauen Neubrandenburgs an den Wiederaufbau ihrer Heimatstadt gegangen sind. An einem Tag ist Neubrandenburg zu 80 Prozent zerstört worden. Es hat mehr als 20 Jahre gedauert, bis die Wunden einigermaßen verheilt und die Stadt wieder aufgebaut worden ist. Vernarben werden diese Wunden nie.

Neubrandenburg wurde am 29. April 1945, nur wenige Tage vor Kriegsende, stark zerstört

Neubrandenburg wurde am 29. April 1945, nur wenige Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs verheerend zerstört. Besonders schlimm traf es die histoirsche Altstadt. Foto: Neubrandenburger Stadtarchiv/Walter Martin

Zu sehen ist vor dem Krieg eine sehr bürgerliche Stadt mit vielen Geschäften, Handwerkern, Hotels, Restaurants. Ein schönes Rathaus auf dem Marktplatz, ein "Kaiserliches Postamt" an der Ecke Eisenbahnstraße/Poststraße und sogar ein großes Karstadt-Kaufhaus sowie ein Herzogliches Palais am Markt.

Der architektonische Zauber einer vergangenen Zeit konnte jedoch nicht wieder hergestellt werden. Bleiben wird aber ein literarisches Denkmal, das den Trümmerfrauen der Stadt gewidmet worden ist. Diese haben im Gedächtnis der Bewohner der Vier-Tore-Stadt einen würdigen Platz gefunden.

Bildband lässt einiges unerwähnt

Es gibt allerdings Geschehnisse und Ansichten, die der geschichtskundige Bürger mit Ergänzungen oder zu mindestens mit Anmerkungen versehen möchte. So wird unter anderem die Zahl der Opfer von April 1945 bis Dezember 1945 mit 2052 Personen angegeben. Die Zahl dürfte jedoch höher liegen, weil später unter den Trümmern der Innenstadt noch viele Leichen gefunden wurden.

Eleonore Wolf, Leiterin des Neubrandenburger Stadtarchivs und Nordkurier Reporter Frank Wilhelm sind die beiden Herausgeber des Bildbands.

Eleonore Wolf, Leiterin des Neubrandenburger Stadtarchivs und Nordkurier Reporter Frank Wilhelm haben den Bildband gemeinsam herausgegeben. Foto: Danilo Vitense

Das Gleiche gilt auch für die Suizidopfer, die mit 152 Toten, darunter 37 Kinder, als sehr gering angegeben worden sind. Viele Verzweifelte wählten den Freitod. Mütter mit Kindern an den Körpern geschnallt, von Sowjetsoldaten verfolgt, sind im See den Brutalitäten der Befreier entgangen.

Leider wird im Bildband nicht darauf verwiesen, dass endlich nach 73 Jahren am 1. Mai 2018 eine Gedenk-Stele für die Suizidopfer am Ufer des Tollensesees vom Oberbürgermeister der Stadt Neubrandenburg, Silvio Witt, eingeweiht wurde. Bürger der Stadt hatten es nach heftigen Kontroversen mit der Linkspartei im Stadtparlament und erst nach Jahren durchgesetzt.

Am 1. Mai 2018 wurde durch Neubrandenburgs Oberbürgermeister Silvio Witt eine Gedenk-Stele für die Suizidopfer am Ufer des Tollensesees eingeweiht. Foto: ZVG

Diese Gedenk-Stele für die Suizidopfer wurde 2018 durch Neubrandenburgs Oberbürgermeister Silvio Witt am Ufer des Tollensesees eingeweiht. Foto: ZVG

Mehr als kritisch anzusehen ist die Verwendung des ehemaligen KZ Sachsenhausen von der sowjetischen Militäradministration (SMAD) als Speziallager Nr. 7. Das gilt auch für das ehemalige deutsche Gefangenenlager Fünfeichen STALAG II A bei Neubrandenburg, das von den Sowjets als Sonderlager Nr. 9 bis 1948 geführt wurde.

Mindestens 4900 deutsche Inhaftierte sind hier unter elendigen Bedingungen umgekommen. Im ehemaligen KZ Buchenwald, das vom NKWD als Sonderlager Nr. 2 geführt wurde, fanden 7000 Internierte den Tod. Nach fünf Jahren wurde dieses Sonderlager aufgelöst und die Überlebenden in die Sowjetunion deportiert bzw. in die Justizanstalt Waldheim verbracht.

Viele Fotos mit besonderem historischen Wert

Bis weit in die 1950 Jahre hinein dauerte die Enttrümmerung der Vier-Tore-Stadt. Viele Neubrandenburgerinnen halfen dabei tatkräftig. Trümmerfrauen nannte man sie.

 Viele Neubrandenburgerinnen halfen tatkräftig bei der Enttrümmerung der Vier-Tore-Stadt. Trümmerfrauen wurden sie genannt. Foto: Neubrandenburger Stadtarchiv/Walter Martin

Das Märchen von den guten Rotarmisten sollten Journalisten oder Historiker deshalb besser vermeiden. Ehemalige Gefangene durften unter Androhung massiver Strafen nicht über diese Sonderlager sprechen, deren Existenz von der DDR-Staatsführung vehement bestritten worden ist. So haben denn die Gewaltaktionen der Sowjets dem späteren Wort Befreiung einen bitteren Beigeschmack gegeben.

Die erhebliche Zerstörung der Innenstädte von Neubrandenburg, Demmin und Neustrelitz ist nicht in erster Linie durch schwere Kämpfe mit den verbliebenen Resten der Wehrmacht, sondern durch gezielte Brandstiftung der sowjetischen Truppen verursacht worden.

Flüchtlingstreck: Dieses Foto zeigt den späteren Ortschronisten Horst Beyermann als Kleinkind mit seiner Mutter Else an der Landstraße nach Stavenhagen. Foto: Rita Beyermann

Flüchtlingstreck: Dieses Foto zeigt den späteren Ortschronisten Horst Beyermann als Kleinkind mit seiner Mutter Else an der Landstraße nach Stavenhagen. Foto: Rita Beyermann

Von besonderem Wert sind Fotos des vorgelegten Bildbandes von Flüchtlingstrecks im März 1945 durch Neubrandenburg. So zeigt ein Foto den späteren Ortschronisten Horst Beyermann als Kleinkind mit seiner Mutter Else an der Landstraße nach Stavenhagen.

Allerdings hat Autor Frank Wilhelm es vermieden zu erwähnen, dass 15 Millionen deutsche Flüchtlinge aus dem Osten ihre Heimat verloren und dabei auf der Flucht zwei Millionen Kinder, Frauen und alte Männer umgekommen sind.

Der Bildband zur Erfolgsreihe "1945. Zwischen Krieg und Frieden" ist 2021 bei mecklenbook erschienen. Hier können Sie das Buch bestellen.
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Der Historiker Hans-Joachim Nehring aus Neubrandenburg

Unser Autor Hans-Joachim Nehring ist Museumsführer und Mitglied eines Internationalen Geschichtsvereins. Erschienen sind von ihm unter anderem das Buch "Auf dem Königin-Luise-Weg von Berlin ins mecklenburgische Hohenzieritz" (2012) und "Mehr als eine Königskrone. Luise von Preußen" (2021). Foto: Ute Ziemann

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